Christian Koch
Pfingsten heißt:
Gott in Fülle erleben
Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, wohin würden Sie reisen? Wären Sie gern 1989 in Berlin und würden mit einem Hammer kräftig auf eine Mauer schlagen? Oder würden Sie die Leute warnen, dass das mit der Überfahrt auf der Titanic doch gar keine gute Idee ist?
Mir kommt noch eine Antwort in den Sinn: Die Gegend um Galiläa um das Jahr 30 n.Chr. Da war Jesus unterwegs. Dem einmal über die Schultern schauen, das wäre doch was. Mal gucken, wie die Menge bei seinen Predigten reagiert; probieren, wonach das Brot beim letzten Abendmahl schmeckt. Näher könnte man Jesus und Gott doch nicht kommen, oder?
Wir feiern im Mai ein Fest, das uns bei diesem Gedanken zögern lassen sollte: Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Viele Menschen haben versucht zu erklären, worum es dabei geht. Einer von ihnen war Jesus selbst. Im Johannesevangelium nimmt sich Jesus viel Zeit, seinen Freunden zu erklären, was es mit dem Heiligen Geist auf sich hat und dass es da nicht um ein Schlossgespenst geht.
Er tut das nicht einfach zwischendurch, sondern an dem Abend, als er zum letzten Mal mit seinen Freunden zusammensitzt – vor dem Kreuz. Man kann sich vorstellen, dass das Gespräch da nicht um das Wetter oder Sportergebnisse kreiste. Jesus stellt ins Zentrum, was er seinen Freunden hinterlassen will.
Er erzählt ihnen vom Heiligen Geist, den er den Tröster nennt. Über diesen Geist sagt er: „Wenn er kommt, wird er euch in die Fülle der Wahrheit leiten“ (Joh 16,13). Ich glaube, dass wir mit unserer Zeitmaschine in verwunderte Gesichter geschaut hätten.
Denn Jesus meint: Die Fülle der Wahrheit über Gott findet ihr nicht, indem ihr mir über die Schulter guckt. Diese Zeit wird bald vorbei sein. Diese Fülle findet ihr im Geist, der in euren Herzen lebendig ist. Und diese Fülle besteht – zusammengefasst – in einer Zusage: Ihr seid nicht allein (Joh 18,17f.). Auch wenn ich jetzt gehe, gilt das. Ihr seid nicht allein in dieser Welt – niemals.
Die Jünger damals hatten diesen Satz so nötig wie wir heute. Denn im Herzen von Pfingsten liegt genau diese Zusage: Dass wir keine Zeitmaschine brauchen, um Gott in Fülle zu begeg nen. Jesus verspricht uns einen Tröster, und von dem berührt zu sein, bedeutet, diese Zusage erleben: Ihr seid nicht allein – niemals.
Ich glaube, wir kommen Pfingsten am nächsten, wenn wir das Fest so verstehen wie Jesus. Wenn wir uns also an die Momente erinnern, in denen wir erlebt haben, dass wir nicht allein sind. Was fällt Ihnen da ein?
Der abendliche Gutenachtkuss Ihrer Partnerperson; ein unerwarteter Besuch zum runden Geburtstag mit dem Lieblingskuchen in der Hand; das Chorkonzert in der Gemeinde, in dem viele Stimmen wie eine klangen.
Erinnern wir uns an diese Momente, verstehen wir, was für ein Geschenk wir an Pfingsten feiern. Wir feiern Gottes Geist, der sagt: Du bist nicht allein. Dafür brauchen wir keine Zeitmaschine.
Das erleben wir hier und heute, und ich bin sicher, Gottes Geist weht ganz kräftig mit.