Angedacht

Zerstreuungsfasten

Elisabeth Müller

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Diesen Satz schrieb der Philosoph und Dichter Blaise Pascal im 17. Jahrhundert. Dabei lebte der Mann in einer Zeit, die weder das Internet noch Radio und Fernsehen kannte!
Warum nur diese „beständige Unruhe“? fragt sich Pascal. Ja, warum eigentlich? Für die Fastenzeit 2026 ist das ein prima Impuls:

Ich schlage Zerstreuungsfasten vor.

Immer öfter höre ich, dass Leute keine Nachrichten mehr sehen oder lesen. Das konnte ich vor einiger Zeit zum ersten Mal nachvollziehen – es war die Woche, in der Trump erklärte, dass er Grönland besetzen will, weil er von Norwegen nicht den Friedensnobelpreis bekam.

Das ständige Hin und Her seiner Ausbrüche (Zölle ja, Zölle nein …) gab mir den Rest. Ich fing an, keine Trump-Nachrichten mehr zur Kenntnis zu nehmen. Ich hatte das Gefühl: Ich werde irre, wenn ich das weiterverfolge. Und dachte an Blaise Pascal: ruhig in einem Zimmer bleiben. Also habe ich für einen Tag meine Telefone stummgeschaltet und keine E-Mails gelesen.

Stattdessen nahm ich ein Buch zur Hand, das schon eine ganze Weile darauf wartet, dass ich es aufschlage: „Schneekristalle aus Transparentpapier“ von Juliane Buneß. Die meiste Zeit des Tages faltete ich Schneekristalle, die jetzt an unseren Fenstern kleben.

Und es war wunderbar! Würde ich mich diesem Zustand länger als einen Tag überlassen, dann käme wohl das ins Spiel, was Pascal so treffend beschreibt:

Ich käme zu mir selbst.

Und nun wird es spannend. Denn das Elend, das laut Pascal die Menschen antreibt, diesen Zustand zu meiden, ist dieses: Die Angst davor, nichts zu sehen als uns selbst. Indem wir es vermeiden, dem NICHTS zu begegnen, entgeht uns das ALLES, das diese Erfahrung schenken kann. Pascal nennt es Trost. Er meint damit den Trost im Glauben.

Denn im NICHTS begegnet uns Gott – wenn wir es denn zulassen.

Das ist es, was unter anderem das Wort „Transzendenz“ meint: Wir finden, was über uns hinausgeht. Und den Grund, auf dem wir stehen. Die Deutsche Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts kreist um diese Erfahrung: Was zu uns kommt, wenn wir uns dem NICHTS stellen. Sie nennen es „Ohne Warum sein“.

Für mich ist das ein Sehnsuchtswort. Es beschreibt einen Zustand, den wir vorbereiten, aber nicht herstellen können. Er wird uns geschenkt:

Ohne Warum sein. Durchatmen. Einfach sein.

Den Grund finden. Aber um den Grund zu finden, müssen wir den Abgrund aushalten. Und dafür braucht es einen ruhigen Tag in einem Zimmer. Oder im Wald. Oder beim Schwimmen, Laufen, Fahrradfahren. Oder…

Ich wünsche Ihnen eine erfüllte Fastenzeit!